Dies geschieht oft in einem Ausmaß, das vielerorts an die Grenzen des Leistbaren stößt. Die aktuelle Situation ist geprägt von Lehrkräftemangel, steigender Heterogenität der Schülerschaft und strukturellen Unsicherheiten – und sie verlangt nach klaren politischen Antworten.
Zeitmangel als Dauerzustand
Schulleiterinnen und Schulleiter stehen unter enormem Zeitdruck. Neben Unterrichtsverpflichtungen und Verwaltungsaufgaben müssen sie Personalführung, Krisenmanagement, Qualitätsentwicklung, Elterngespräche, Kooperation mit außerschulischen Partnern sowie die Umsetzung zahlreicher Vorgaben bewältigen. Für pädagogische Führung – also das eigentliche Herzstück einer guten Schule – bleibt oft zu wenig Raum.
Zusätzliche Führungszeit gilt offenbar als luxuriöses Wellness-Paket, auf das man – im Sinne der Bescheidenheit – getrost verzichten kann. Führungszeit ist jedoch kein „Luxus“, sondern eine notwendige Voraussetzung für Schulqualität. Wer Schule entwickeln, Lehrkräfte begleiten und Prozesse nachhaltig gestalten soll, braucht dafür verlässliche Zeitressourcen.
Quereinsteiger – Chance und zusätzliche Belastung
Angesichts des massiven Lehrkräftemangels werden zunehmend Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger ohne grundständiges Lehramtsstudium eingestellt. Sie leisten vielerorts engagierte Arbeit und sind aus dem System nicht mehr wegzudenken. Dass sie intensiv betreut werden müssen, damit das pädagogische Schiff nicht direkt bei der Ausfahrt sinkt, ist ein charmantes Detail am Rande. Professionelle Ausbildung bleibt hier jedoch ein theoretisches Ideal; aber die Realität ist doch ohnehin die beste und für alle Beteiligten anstrengendste Schule.
Die Betreuung übernehmen dabei in erster Linie die Schulleitungen und die Kollegien vor Ort. Es geht dabei nicht nur um didaktisch-methodische Fragen, sondern auch um Klassenführung, Leistungsbewertung, rechtliche Grundlagen sowie den Umgang mit herausfordernden Situationen mit Schülerinnen und Schülern und Eltern. Treten Konflikte auf, ist es wiederum die Schulleitung, die diese auffangen und klären muss.
Professionelle Lehrerausbildung bleibt daher ein zentrales Ziel. Quereinstiege können unterstützen, dürfen aber kein dauerhafter Ersatz für eine fundierte Ausbildung sein.
Lehrkräfte aus anderen Schularten – organisatorische und emotionale Herausforderungen
Besonders an Mittelschulen unterrichten zunehmend Lehrkräfte, die ursprünglich für andere Schularten ausgebildet wurden. Nicht selten pendeln sie zwischen mehreren Schulen, um ihre vorgeschriebenen Unterrichtsstunden zu erfüllen. Die Organisation dieser Einsätze ist komplex und zeitintensiv – für Schulleitungen wie für die betroffenen Lehrkräfte.
Hinzu kommt eine emotionale Dimension: Viele dieser Kolleginnen und Kollegen würden lieber an jener Schulart unterrichten, für die sie studiert haben. Diese Situation führt zu Frustration und erschwert langfristige Bindung an eine Schule. „Kontinuität?“ - wohl nur ein Wort aus dem Geschichtsbuch! Wer braucht schon Bindung, wenn man Flexibilität haben kann? Schule aber braucht Verlässlichkeit und Identifikation mit dem Standort.
Fehlende Planbarkeit und mangelnde Wertschätzung
Ein weiterer Belastungsfaktor ist die mangelnde Planbarkeit. Wie wird die personelle Situation im kommenden Schuljahr aussehen? Kann ich als Lehrkraft an meiner Schule bleiben? Werden Klassen zusammengelegt oder aufgelöst? Diese Unsicherheiten erschweren nicht nur die persönliche Lebensplanung, sondern auch die pädagogische Arbeit. Ob das Kollegium im nächsten Jahr noch existent ist oder ob Klassen aufgrund akuter Vakanzen zu einer Art Großgruppen-Event verschmolzen werden, bleibt dabei für die Schulleitung eine spannende Überraschung. Transparenz und Wertschätzung sind dabei wie das gute Porzellan: Man spricht zwar davon, holt es aber für den Alltag lieber nicht aus dem Schrank.
Gerade in Zeiten massiven Lehrkräftemangels braucht es aber Verlässlichkeit und Wertschätzung. Lehrkräfte leisten Enormes – oft unter schwierigen Bedingungen. Professionalität bedeutet, trotz aller Herausforderungen den Blick auf das Wesentliche zu richten: die Schülerinnen und Schüler. Ihr Lernen, ihre Entwicklung und ihr Wohlergehen müssen im Mittelpunkt stehen.
Keine mobilen Reserven – ein gefährlicher Teufelskreis
Es heißt, es gäbe sie – die mobile Reserve. In der Praxis gleicht ihr Fehlen einem perpetuum mobile der Erschöpfung: Fällt einer aus, springt der Rest mit einem Lächeln ein. Mehrarbeitsvergütung hin oder her; Solidarität ist eben dann am schönsten, wenn sie an die gesundheitliche Substanz geht.
Das Ergebnis ist ein gefährlicher Teufelskreis: Überlastung führt zu Erkrankungen, Erkrankungen führen zu noch größerer Belastung. Langfristig schadet dies der Gesundheit der Lehrkräfte – und damit der Qualität von Schule insgesamt. Ach ein Teufelskreis? Nein, das nennt man heute wohl „Resilienztraining am lebenden Objekt“.
Schulqualität beginnt bei der Schulleitung
Eine Schule kann nur dann gut funktionieren, wenn die Menschen, die in ihr arbeiten, sich gut fühlen. Eine Schulleitung, die unter Dauerstress steht, kann ihre Führungsaufgaben nur eingeschränkt wahrnehmen. Fühlen sich Lehrkräfte überlastet und wenig wertgeschätzt, leidet ihre Motivation. Und wenn Lehrkräfte am Limit arbeiten, spüren das auch die Schülerinnen und Schüler.
Das Wohlbefinden in der Schulfamilie steht in direktem Zusammenhang mit der Qualität von Unterricht und Schulklima. Gute Schule entsteht dort, wo Führung professionell gestaltet werden kann, Lehrkräfte unterstützt werden und Schülerinnen und Schüler in einem stabilen Umfeld lernen. Fazit: Aber wer braucht schon Stabilität? Dass eine Schule nur dann gut läuft, wenn die Menschen sich darin nicht permanent mit absurden Neuerungen, welche häufig einem politischen Meinungsbild entsprungen sind, auseinandersetzen müssen, ist eine fast schon revolutionäre Erkenntnis.
Was jetzt notwendig ist
Die A13-Besoldung für Grund- und Mittelschullehrkräfte ist ein wichtiger Schritt in Richtung Anerkennung und Attraktivität des Berufs. Doch sie allein wird nicht ausreichen.
Notwendig sind:
mehr ausgewiesene Führungszeit für Schulleitungen
bessere Arbeitsbedingungen für die gesamte Schulfamilie
verlässliche Personalplanung und größere Transparenz
der Ausbau mobiler Reserven
eine qualitativ hochwertige, professionelle Lehrerausbildun
nachhaltige Strategien zur Gewinnung und Bindung von Lehrkräften
Am Ende bleibt eine einfache Wahrheit: Angebot und Nachfrage bestimmen auch im Bildungsbereich die Realität. Derzeit gibt es zu wenig Lehrkräfte für den bestehenden Bedarf. Wenn wir die Qualität unserer Grund- und Mittelschulen sichern wollen, muss der Beruf deutlich attraktiver werden – finanziell, strukturell und gesellschaftlich.
Was wir brauchen, ist eigentlich ganz einfach: mehr Zeit, mehr Personal, mehr Struktur – und weniger gute Ratschläge. Bildung ist eine Investition in die Zukunft? Absolut. Nur sollte man vielleicht langsam aufhören, diese Investition wie ein kostenloses Abo-Modell zu behandeln, das man jederzeit kündigen kann.
Dafür braucht es starke Schulleitungen, motivierte Lehrkräfte und verlässliche Rahmenbedingungen. Wertschätzung darf kein Lippenbekenntnis bleiben – sie muss sich in konkreten Verbesserungen widerspiegeln.
Fachgruppe Schulleiter BLLV
